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Reisebericht “Wiedikon - Abidjan”


27.Okt 2021

Velo gepackt: Vier Sagoschen, Schlafsack, Zelt, Ersatz-Schlauch, vier T-Shirts, Halterungen für 3 Liter Wasser, Sattelferderung, Flöte, Sackmesser, etc.
Alles dabei, so hoffe ich. Testfahrt zum Zoo. Das Velo ist schwer. Tja. Mein Velo, mein Haus. Ab morgen.

Google-Maps Auto-Route: 8126 km. 111h Fahrtzeit. Ha, in vier Tagen da!


Google Maps gibt keine Velo-Route, aber eine Zu-Fuss-Route: 6000 Km quer durch die Sahara. Ein 1200-Stunden-Spaziergang.
Ich werde der Küste entlang fahren

28.Okt 2021
Abfahrt
Zürich Wiedikon - Abidjan

Los geht’s. Ein letzter Café im “Zentral”. Vor der Abfahrt segnet Oscar mein Velo und mich mit Altstetter Weihrauch.

Für alle Fälle ist in der Schuhsole die Passkopie und ein Notgeld versteckt. 

An der Stadtgrenze wird laut Oscar eine Tradition gelebt: Das Ortsschild mit Freundes-Hilfe zu überklettern - der guten Geister wegen. Als ich endlich oben war, verbog sich das “Generell-50”-Schild und in mir blitzte auf, wie ich am Boden liege und die Reise schon beendet ist. Aber nein, die guten Geister waren bereits mir mir, das Schild verbog sich nur leicht!


Bei der Rückkehr soll ich über dieses Schild wieder in die Heimat kehren. Ich freu mich schon.
Auf Wiedersehen!

28.Okt 2021
Die Limmat abwärts, dann die Aare aufwärts. Der Herbst, meine liebste Jahreszeit.
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne...

aus dem Gedicht von Hesse “Stufen”


Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!



Auch der Fluss scheint verzaubert...

29.Okt.
Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, heisst jetzt, Zeit zu haben. Ich mache ca. 50km pro Tag. Halte an, wo immer ich will. Entdecke die Langsamkeit, die Stille. Es ist eine Art meditatives “Leer-sein”, aber in voller Bewegung. Irgendwie erfüllend. Aber auch einsam. Mit sich selber sein, ist nicht immer einfach.
Der Körper muss sich auch daran gewöhnen. Vor allem mein Rücken. Ich strecke mich oft, hänge mich kopfüber über irgendein Geländer: Länge tanken.
Und der Arsch schreit auch immer öfters nach einer Pause.
Ich lese, dass die Grenze zwischen Spanien und Marokko zu ist und zurzeit keine Fähre von Spanien nach Marokko fährt. Dies hat nicht nur Covid-Gründe sondern ist anscheinend auch auf den aussenpolitischen Streit zwische Spanien und Marokko zurückzuführen. Es gibt unterschiedliche Ansichten betreffend der Westsahara und dessen Unabhängigkeitsbewegung. So sollte die West-Sahara im Landesinnern auch gemieden werden, heisst es.
Von Frankreich aus fahren im Moment noch Fähren nach Marokko, lese ich. Also gehe ich nach Frankreich, nicht nach Spanien. Jetzt wird es Zeit, dass ich aus Europa raus komme, bevor Covidi wieder wild um sich schlägt.


03.Nov.


04.Nov.

Ich fahre die Rhone abwärts Richtung Marseille. Es gibt von Genf bis nach Marseille einen Veloweg. “Via Rhona”. Keine Autos, alles gemütlich flussabwärts. Echt schön.
Die Zeit des Sonnenuntergangs ist jeweils die schönste Zeit: Leicht euphorisch beschwingt, das wunderschöne Abendlicht geniessend und dann plötzlich ambivalent, angespannt, sobald es dunkel ist, da ich bald einen Schlafplatz oder ein Hostel finden muss.
Wenn man alleine reist, passiert viel im Kopf. Die Gefühle sind stark ausgeprägt und schlagen weit in alle Richtungen aus.

Eines Abends in Caderousse: Das kleine Städtchen ist leer. Niemand auf der Strasse. Der Gastgeber in einem Bed&Breakfast sagt mir, es sei voll. Ich frage mich, wie das sein kann. Die zweite Herberge ist geschlossen. Die Stadt scheint verlassen. Ich fahre weiter durch die leeren Gassen. In der Ferne sehe ich, dass mich jemand verfolgt. Ich beschleunige. Die Person wird auch schneller. Mir wird mulmig. Es ist dunkel. Ich bin allein. Die Person kommt immer näher. Sie wippt heftig auf und ab. Sie sitzt auf einem komisches Gefährt. Ich bleibe stehen, will heraus finden, ob die Person mir wirklich folgt. Sie bleibt vor mir stehen, auf einem bizarren Steh-Trett-Fahrrad. Es ist der der Typ der Herberge. Ausser Atem erklärt er mir, er habe doch Platz, ein Zimmer konnte geputzt werden. In seinem Hostel angekommen, bin ich der einzige Gast. Was geht hier vor? Wieso lehnt er mich zuerst ab und nimmt mich nun doch auf?
Er ist sehr herzlich, kocht für mich, wir sitzen zusammen in seiner Küche, trinken Wein. Er erklärt mir nun ehrlich, was mit ihm passierte, nachdem er vor mir die Türe schloss. Er bekamt Angst, sagte er mir. Vor vier Wochen sei hier in der Gegend ein alleinreisender spanischer Velofahrer nachts in seinem Zelt am “Via Rhona” erschlagen worden! (https://www.lefigaro.fr/faits-divers/ardeche-un-cycliste-battu-a-mort-en-pleine-nature-une-enquete-pour-meurtre-ouverte-20211008)
Es sei keine gute Zeit, draussen zu schlafen. Ihn plagte ein schlechtes Gewissen und Sorge. Er musste mich wieder finden, erzählte er mir.
Ich war zum einen froh, dass ich bei ihm sein durfte, zum Anderen aber echt besorgt, in Zukunft alleine draussen zu schlafen.


05.Nov

Die Vegetation wird langsam mediteran.
Eine Nacht, diesmal ohne Zelt, unter dem Sternenhimmel. “Lass die Angst nicht dominieren” sagte ich mir. Obwohl ich dann beim einschlafen natürlich Angst hatte und jedes kleinste Geräusch wahrnahm, war ich dann am Morgen trotzdem ausgeschlafen und in frisch fröhlicher Stimmung, so als hätte ich gerade einen Berg erklommen. 


06.Nov

Wunderschöner Veloweg am “Canal Du Midi” entlang. Gemütliches cruisen mit extrem feinen Datteln im Gepäck. Formidable!

ANKUNFT AM MEER! ︎︎︎︎︎︎

07.Nov
Ich möchte im industrie-Hafen in Séte ein Frachtschiff finden, das nach Marokko oder Senegal fährt. Bei der Barriere fahre ich mit dem Fahrrad links vorbei, winke dem Wächter zu, er winkt mir zurück. Ich sehe wohl mit meiner Leucht-Veste und dem Fahrrad wie ein Hafenarbeiter aus. Über Vesselfinder.com erfahre ich von einem Schiff, das aktuell im Hafen ist und nach Marokko ablegt. Als ich im kilometerlangen Hafen das Schiff endlich finde, frage ich einen Mitarbeiter, ob ich mit dem Kapitän sprechen könne. Dieser fragt mich, wer ich sei und was ich hier suche. Ich erkläre es ihm, worauf er mit irgendwem funkt und dann sagt, ich solle das Areal verlassen. Ich fahre weiter, geniesse den emsigen Hafen, plaudere mit zwei Lastwagen-Chauffeuren, die sich zwischen ihren Lastwagen ohne Anhängern gemütlich mit Campingstühen eingerichtet haben und Spiegeleier braten. Als ich andere Speditions-Unternehmen nach einer Überfahrt befrage und ich bei allen nur ungläubige Blicke ernte, holt mich plötzlich ein Security ein und schimpft mit mir, ich dürfe hier nicht sein und brauche eine Bewilligung, etc. Sie alle hätten nach dem Typ mit dem Velo im Hafen gesucht! Ich sah also doch nicht wie ein erfahrener Hafenarbeiter aus;) Er begleitet mich mit seinem Fahrzeug nach draussen, wobei er darauf besteht, dass ich vor ihm herfahre, damit ich nicht entwischen kann. An der Barriere empfangen mich weitere Securities. Nachdem ich ihnen versicherte, dass ich kein Krimineller bin, entlassen sie mich.

Ich schreibe noch einige Mails an diverse Transportschiff-Unternehmen, doch es scheint kaum möglich zu sein, auf die schnelle ein Frachtschiff zu finden. Ich beschliesse, die Fähre zu nehmen.


08.Nov
Ich darf die Fähre nicht betreten. Mein Reisepass ist abgelaufen!

Arg!
Ich telefonieren sofort mit dem Typ an der Notpass-Stelle am Flughafen Zürich und erkläre ihm die Situation. Er: “Das isch ja schön mit em Velo, aber nämed sie doch de Flüüger nach Züri und i 15 Minütli hämmer das”.
Nein, ich will jetzt nicht zurück. “Herr Hellat, da git’s nüt zrüttle, sie müend i d’Schwiiz zrugg cho”.
Ich telefoniere am nächsten Tag mit der Botschaft in Marseille. Sie ermöglichen mir eine Ausstellung, bei der ich nur nach Marseille kommen muss. Der schnelle Notpass sei allerdings nicht gut genug in Sierra Leone oder Liberia. Die richtige Pass-Produktion dauert 7-30 Tage, biometrische Daten erfassen, drucken, etc.
30 Tage? Oje.
Ich stecke allerdings lieber jetzt in Sète fest als später in Sierra Leone.



09.Nov
Austern-Produktion in der Lagune von Séte. Junge Austern werden an ein Seil zementiert und für ein Jahr ins Meer gehängt. 
Austern schmecken mir nicht. Aber die Ambience ist magnifique. Der Produzent hört Heavy-Metal-Musik und lädt mich auf sein extrem schnelles 600ps-Boot ein, um neue Austern zu ernten.

10.Nov
Meine neue Familie in Séte.
17.Nov



Mein feiner, frisch gebackener Schweizer Pass ist da! Es ging überraschend schnell. Ab nach Marokko!

19.Nov Wenn man auf einem Schiff 48h Zeit hat, wird selbst ein kleines Ereignis wie ein neuer Anstrich zu fesselndem Kino.


20.Nov

1.Tag in Marokko. Es regnet. In der Wüste! Eine spezielle Stimmung. Erfrischend. Weisser Schaum auf der Strasse. Lastwagen spritzen mich nass.
Ich treffe bei einem verlassenen Bahnhof den Wärter, der jeden Tag zu Fuss 4 Kilometer zum benachbarten Markt spaziert. Er schenkt mir ein Brot und drei Mandarinen, die er gerade gekauft hatte. So lieb. Die besten Mandarinen, die ich je hatte.


21.Nov Ich hänge mich über die Seitenplanke neben der Strasse, um meinen Rücken zu strecken. Ein Typ fällt fast vom Roller, als er mich sieht.
Abends finde ich kein Hotel und habe keine Lust, draussen zu schlafen. Ich erfahre von einem Nachtzug an einem entfernten Bahnhof. 20 Kilometer Velofahrt in der Nacht. Es ist unangenehm. Bei jedem Fahrzeug verlasse ich kurz die Strasse. Ich komme endlich am Bahnhof an. Im nirgendwo. Niemand weit und breit. Alles dunkel. Fährt hier wirklich ein Zug nachts um 23:04?
Ein Typ kommt vorbei, lädt mich zu sich nachhause ein. Auch er ist der Wärter des Bahnhofs. Er serviert mir Wüstenhonig mit frischem Brot. Unglaublich herzlich,  gastfreundlich. Als gläubiger Muslim scheint dies selbstverständlich für ihn. Wir sprechen über Fussball. Er kennt alle Fussballer der Schweizer Nationalmannschaft. Er fragt mich nach den Löhnen in der Schweiz.
Der Zug kommt an. Aber Das Fahrrad darf nicht in den Zug. Der Zug ist klein und eng, von einer Diesel-Lokomotive angetrieben. Es scheint wirklich keinen Platz zu haben dafür. Der Bahnhofswärter setzt sich für mich ein. Mein Fahrrad wird hochkant in die Eingangstüre geklemmt und die Türe wird abgeschlossen für den Rest der Fahrt. Tausend Dank! Ab nach Fès. Juhu.


22.Nov
Fès: Eine besondere verschachtelte Altstadt. Ledergerber mitten in der Stadt. Die Tierhäute werden geputzt, aufgeweicht, mit Kalk geschrubbt, eingefärbt, etc. Es ist wunderschön, zu zuschauen. Wobei es fast unerträglich nach Tod, Gammelfleisch, Verwesung und Kot stinkt.
Ein Ledergerber färbt selbst seine Kücken. “Tout bio”, kichert er.

Durch die Stadt spazieren ist auch ermüdend. Alle wollen etwas von mir. Selbst das Zuschauen bei den Ledergerbern soll kosten, versichert mir ein “Guard” beim Verlassen der Szene. Es stresst mich. Da ich stets einschätzen muss, mit welcher Absicht jemensch mit mir in Kontakt tritt. Hat er/sie finanzielle Absichten oder ist es reine Neugier, Gastfreundschaft oder Freundlichkeit? Ich will ja auch nicht stets misstrauisch sein. 


24.Nov
Ein stolzer Restaurant-Besitzer in Casablanca. Seine Spezialität: Kamelwürste mit grillierten Zwiebeln in Kamelfett.

Es hat eine gewisse Erhlichkeit, zu zeigen woher das Fleisch kommt.
Ich versuche mir ein Restaurant in Zürich vorzustellen, das einen frischen Kuhkopf vor dem Eingang ausstellt. Wie würde wohl reagiert werden?


26.Nov

Nach einer langen Busfahrt mit dem Velo im Gepäck nach Agadir nun wieder mit dem Velo unterwegs Richtung Süden. Es wird trocken.
Ich mache eine Pause in Tifnit, einem kleinen Fischerdorf. Mein Velo stelle ich bei einem Privathaus hin - dies sei der “Guard”, der auf alle Zweiräder gegen etwas Geld aufpasst, wurde mir gesagt. Ich mache mit ihm einen Preis ab und gehe ins Dorf etwas essen. Als ich zurück komme, fällt mir sein schönes Gewand auf, das den ganzen Körper inklusive Kapuze bedeckt. Ich mache ihm ein Kompliment. Er geht zurück ins Haus und bringt mir ein zweites solches Gewand, genannt Djellaba. Ich solle es anziehen. Ich bin verdutzt. Denke, er will es mir verkaufen. Aber nein, er will es mir schenken. Kein Geld, nichts. Er will, dass ich es trage. Hin und her, aber er insistiert. Es passt wie angegossen, ich will ihm etwas geben, aber nein, er will nichts dafür. Ich behalte die Djellaba an, bedanke mich, bin berührt.
Er nennt sich übrigens EscobarYamaha: Er repariert Motorräder und raucht gerne Gras. Wir sitzen schweigend gemütlich eine Weile zusammen vor seinem Haus. Junge Hundewelpen tanzen um uns herum. Ich habe EscobarYamaha schon ins Herz geschlossen.
Vertrauen und Misstrauen sind bei mir seit einigen Wochen nahe beeinander.


An der Küste entlang führt keine Strasse mehr, sondern ein weicher Sandweg. Ich will nicht wieder zurück zur Hauptstrasse, also stosse ich das Fahrrad sechs Kilometer lang durch den Sand. Ich fühle mich irgendwie frei, in einer wunderschönen, verlassenen Landschaft am Meer.
Als es nacht wird, klopfe ich bei einer Blechhütte an in der Licht brennt. Der Typ schaut zuerst verdutzt mein Fahrrad an und heisst mich dann willkommen. Er lädt mich zum Essen ein, fünf Freunde kommen dazu, bringen Whiskey. Wie jeden Freitag Abend, heisst es. Wir diskutieren über den Islam und Frauen. Ich stelle für sie fest, dass ich, seit ich in Marokko bin, kaum Frauen auf den Strassen sehe, geschweige denn eine Frau in einem Café sitzen sehe. Wieso das so sei, frage ich. Es stellt sich heraus, dass in ihren Kreisen eine verheiratete Frau, wenn sie aus dem Haus will den Ehemann zuerst um Erlaubnis bitten muss. Der Mann muss seine Ehefrau im Gegenzug aber nicht fragen, wenn er aus dem Haus will. Einer im Raum verteidigt diese Haltung, er finde dies richtig, es sei eine “valorisation de la femme”, man passe auf die Frau auf, man sorge sich um sie. Ich gerate mit ihm in die Haare. Die grösste “Valorisation” sei für mich die Selbstbestimmung. Wir diskutieren über Freiheit, Gleichberechtigung und Respekt. Ich hoffe, wir haben schlussendlich beide unseren Horizont erweitert.
Wir essen friedlich gemeinsam. Als Dessert gab es eine riesige Schale mit allen denkbaren Früchten dieser Welt. Bevor ich meine erste Orange geschält hatte, war zwei Drittel aller Früchte schon vertilgt. Noch nie habe ich Menschen mit beiden Händen so schnell, lustvoll, saftig, spritzend, üppig essen gesehen.
Satt legen sich alle irgendwie längs hin, man berührt sich, es ist selbstverständlich, es ist halt eng, eine kleine Blechhüte in der Wüste, irgendwie brüderlich. Alle sitzen dann für ca. eine Stunde an ihren Handys, gamen, schauen Videos, hören Musik, jeder für sich, alle Geräusche schallen laut und gleichzeitig durcheinander. Es scheint sie gegenseitig nicht zu stören.

 
27.Nov
Es windet stark. Sand in der Luft, ich muss mich einpacken. Ich verstehe nun, wieso Berber*innen in dieser Gegend eine Djellaba tragen. Ich ändere meine Route Richtung landweinwärts, um nicht gegen den Wind fahren zu müssen.

28.Nov
Ich sehne mich wieder nach Zivilisation. Übernachte in Tiznit in einem Hostel. Durchfall in der Nacht.


29.Nov
Durchfall.

30.Nov
Durchfall

01.Dez
Durchfall.


02.Dez
Durchfall. Wie kann das sein? Ich esse doch nur noch Brot. Oder ist das Brot etwa auch schlecht.


03.Dez.
Kein Durchfall mehr!


04.Dez
Ich nehme das Velo in den Bus nach Dakhla.


06.Dez
Atemberaubende menschenleere Meeresküste. Die Wüste direkt am Meer.

Dort, wo noch nie ein Badetuch und ein Mensch gelegen ist, sieht es aus, als hinterliessen täglich Hunderte ihre Spuren.

07.Dez
Auf dem Weg an die Grenze zu Mauretanien, treffe ich einen anderen Velofahrer, der soeben von der Grenze abgewiesen worden ist. Marokko hat heute dicht gemacht, wegen der Omrikon-Corona-Variante. Die Ausreise nach Mauretanien ist nicht mehr möglich. Scheisse. Ich drehe mit ihm um.

Wir übernachten an einem Strand mit Fischerbooten, wo uns morgens ein Fischer ein Frühstück zubereitet.
Ich stelle fest, dass mein Velofahrer-Kumpane ein berühmter Instagramer mit Zehntausenden von Followern ist. Er reist seit Jahren abenteuerlich um die Welt, dokumentiert alles und lebt davon. Er streamt Live (das Handy-Netz ist in ganz Marokko ausgezeichnet), spricht in Echzeit ins Smartphone, postet Insta-Stories, macht viele Fotos, etc. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, in diesem Niemandsland ohne fliessend Wasser und Strom auf einem Bild zu sein, dass sich Minuten später Zehntausende in Polen anschauen und kommentieren.

Ceci n’est pas un palmier.
(C’est un Handy-Antenne.)


08.Dez
Die Schweizer Botschaft will mir nicht helfen, nach Mauretanien zu gelangen, da sie nicht empfehlen, überhaupt nach Mauretanien zu reisen. Die lokale Grenzpolizei versichert mir, dass auch für mich als Schweizer Velofahrer die Grenze geschlossen ist. Ich warte also in Dakhla, bis die Grenze wieder aufgeht.


09.Dez

Drei Typen demontieren dieses Schiff am Strand und verkaufen das Metall. Sie sind seit vier Jahren daran. Sie schweissen es auseinander und tragen jedes Teil einzeln über die Seilbahn an den Strand. Es wird noch weitere sieben Jahre dauern, erzählt er mir und schaut in die Ferne. Nachdenklich, zuversichtlich, sehnsüchtig, zufrieden, wehmütig - ich weiss es nicht.
Seine eindrückliche Erscheinung werde ich nicht vergessen.


10.Dez
Marokko verlängert die Sperre bis in neue Jahr. Wer weiss, vielleicht den ganzen Winter. Oje. Ich möchte doch in den Süden kommen.
Ich höre von Repatriationsflügen nach Senegal. Spezial-Flüge, die Senegalesinnen in ihre Heimat bringen. Air Senegal hat am Telefon anscheinend kein Problem, mich mitzunehmen.

14.Dez

Velo verpackt. Stundenlang rumgeschraubt. verklebt, gewickelt. Ich kann nun eine Spinne nachempfinden, die wohl eine Genugtuung empfindet, je mehr der Faden die Fliege umwickelt und “kompaktisiert”.

17.Dez
Le Sénégal!
Nach der kargen, leeren Wüste ist das dicht belebte Dakar wie ein liebevolle Faust ins Gesicht. Musik, Gesang, Energie. Alles in Fülle.





Ich liebe Moscheen. Sie sind für mich ein Ort der Ruhe, der Gemütlichkeit und der Besinnung. Ein friedlicher Rückzugsort in oft turbulenter Umgebung. Was mir besonders gefällt ist die Tatsache, dass dieser grosse Raum auch genutzt und gelebt. Platz für Spiritualität, in welchem Sinne auch immer. Es ist wie ein immens grosses, stilles Wohnzimmer, in dem es sich alle auf dem Teppich sitzend gemütlich machen.
Kirchen fehlt diese Gemütlichkeit, finde ich. 
Die Moschee “Massalikoul Djinane” hat mich berührt. 


Zu meiner Überraschung sitze ich alleine in dieser grössten Moschee Westafrikas.
Tränen losgelöst von Allem.



22.Dez
Unterwegs von Saint-Louis in den Süden.


30.12.
Kollision mit Roller, Band gezerrt, Rad verkrümmt, Corona erhalten - alles gleichzeitig. Tagelang im Bett. Auszeit.

07.01
Der Körper ist ein Wunder.